Bühne

Oder: Vor und hinter der großen Bühne

 

Es gab mal eine Zeit auf deutschen Schauspielbühnen, da stand

die Interpretation des dramatischen Textes im Mittelpunkt des Geschehens. Das ist lange her. Heute stehen Authentizität und Relevanz im Zentrum, und die Bühne ist ein Ort des forcierten Zeitgeistes geworden, ein Podium für gesellschaftliche Auseinandersetzungen in inszenierter Form, mit und ohne Schauspieler. 

 

Na gut. Entscheidend ist, dass damit die Anforderungen an

die klassische Einrichtung Theater enorm gestiegen sind. Zeitgenössisches Theater ist nicht mehr Abendunterhaltung

mit Tiefgang, sondern ein Spielort für quasi alle Zustände der Gemeinschaft, die zu entlarven und zu hinterfragen die Kardinalaufgabe geworden ist. Die ästhetische Form ist

grenzenlos, die Sprache multimedial universell und selbst der Schauplatz ist mobil und wechselhaft: beinahe alles ist möglich

und vieles tatsächlich überraschend und eindringlich.

 

Für eine Dramaturgie bedeutet das eine unerhörte Heraus-

forderung. Sie muss aus dem Elfenbeinturm der literarischen Feinarbeit heraus - auf die Straße, um dort auf der Höhe der Zeit und auf allen Feldern agieren zu können. Sie, diese einst elegante, dezente Zuarbeit für die Bühne, ist heute Schwerstarbeit in Sachen Politikdiskurs, Gesellschaftsproblematik und Kulturagitation. Man muss sich gegen die Konkurrenz so vieler Stimmen durchsetzen, gegen die Trivialisierung des Alles-ist-irgendwie-Kultur und sich mit Inhaltsschwere Gehör verschaffen.  

 

Das erfordert die Beherrschung der Instrumente moderner Kommunikation und den Tanz auf mehreren Hochzeiten. Und schnell und erfahren muss man sein, will man die Untiefen des gesellschaftlichen Diskurses meiden - die Banalitäten und Selbstverständlichkeiten - und tatsächlich an der Spitze der Auseinandersetzung stehen und nicht schon wieder Binsen-

weisheiten wie eine Monstranz zelebrieren. Denn so etwas

wird auf der Stelle mit Missachtung bestraft  - abgesehen von

den "Theater-muss-sein"-Fans - und begründet das Desinteresse des Publikums am Theaterdiskurs.

 

Moderne Dramaturgie meint also die Bergung der tiefen kulturellen Schätze und deren Präsentation in Form zeitgemäßer Beiträge. Das ist der Spagat zwischen Hoch- und Populärkultur und nur zu bewältigen, wenn der Elfenbeinturm Internetanschluss hat.